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Hudeljournalismus

Man kann es so zusammenfassen: Im Interview mit dem Deutschlandfunk verlangt Andreas Scheuer von Journalisten, das zu tun, was er macht: spekulieren. Oder Spekulationen wiederzugeben. Das ist nicht das, was ich mir unter Journalismus vorstelle. (Übrigens auch nicht, was ich mir von verantwortungsvoller Politik erwarte.)

Am 5. Januar berichtet die FAZ

Nach den Übergriffen auf Frauen vor dem Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht ist zu den Tätern weiterhin wenig bekannt. „Es gibt keinen Hinweis, dass es sich hier um Menschen handelt, die hier in Köln Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben“, sagte Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) am Dienstag. Entsprechende Vermutungen halte sie für „absolut unzulässig“. Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers sagte: „Wir haben derzeit keine Erkenntnisse über Täter.“

Trotzdem behauptet Scheuer dergleichen einen Tag später im Interview

- Kaess: Es spricht niemand von Flüchtlingen.
- Scheuer: Und Zeugenaussagen sagen aber schon klare Hinweise, dass es sich um Menschen handelt, die einen ausländischen Hintergrund haben.
- Kaess: Spricht immer noch nicht für Flüchtlinge.
- Scheuer: Deswegen wird die Polizei darauf achten müssen, die Ermittlungen hochzufahren. Und wir haben ja gesagt, wenn es sich erhärtet, dass dort Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen, die als Flüchtlinge und Asylbewerber zu uns gekommen sind, sich nicht an Recht und Ordnung halten, dann sage ich Ihnen schon, gerade Sie als Moderatorin, dass wir alle zusammen helfen müssen, dass wir den Respekt vor Frauen und die neue Qualität von sexueller Gewalt gegen Frauen völlig hart mit allen Mitteln des Rechtsstaates bearbeiten und ganz einfach feststellen müssen, die, die das Gastrecht missbrauchen, die müssen auch zügig durch die Verfahren durch und schnellstens abgeschoben werden, wenn sie sich nicht ordentlich hier benehmen.
(…)
Die Menschen, die in Sorge sind in unserer Gesellschaft, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, die kritisieren genau das, dass es eine veröffentlichte Meinung teilweise gibt, die nicht die Realität widerspiegelt, weil man meint, man muss hier eine falsch verstandene Vorsicht an den Tag legen.
- Kaess: Und zur Realität gehört auch, dass wir kaum noch etwas über die Hintergründe wissen.

Wenn Medien in einer solcher Situation keine Spekulationen weiter verbreiten, ist das verantwortungsvoll – und nicht „falsch verstandene Vorsicht“, wie Scheuer sagt. Indem er das kritisiert, schadet er einem Journalismus, der erst recherchiert – und dann berichtet. Leider ist das Gegenteil viel zu oft passiert in den vergangenen Tagen. Hätte Scheuer mal lieber diesen Hudeljournalismus kritisiert.

6. Januar 2016, 22:34

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Putin und die Deutsche Schule Moskau: 14.000 Mark Schulgeld

Vor 15 Jahren wurde Wladimir Putin zum ersten Mal als Präsident gewählt. Ich interviewte damals den ehemaligen Leiter der Deutschen Schule Moskau. Der wunderte sich, dass Putin für seine Töchter 14.000 Mark Schulgeld pro Jahr bezahlen konnte – obwohl er als Ministerpräsident nur 1.000 Mark verdiente.

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(Allgäuer Zeitung / Augsburger Allgemeine vom 29.3.2000)

25. März 2015, 10:45

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Betreff: „Presseanfrage Wikipedia“

2014 wollte Marvin Oppong einiges über meine Wikipedia-Aktivitäten erfahren. Seine Fragen habe ich ihm ausführlich beantwortet.

Heute wirft er mir vor, PR betrieben zu haben:

Dabei hatte er mir am 1.9.2014, nachdem ich ihm mein Vorgehen erklärt hatte, folgendes geschrieben:

„Ob das, was in dem Deutschlandradio-Bericht stand, nicht stimmte, kann ich heute leider nicht mehr beurteilen, da der Beitrag nicht mehr abrufbar ist. Wenn es tatsächlich falsch war, sehe ich in dem Löschen dann kein Problem.“

Wer den ganzen Mailverkehr nachvollziehen will, kann das tun: Hier.

29. Januar 2015, 18:00

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Warum der Führerschein-Fragenkatalog nicht online ist (weiß ich leider nicht)

„Schutzstreifen“ nennt man die Fahrradspuren am Straßenrand, die mit gestrichelter Linie auf dem Asphalt markiert sind. So ein Schutzstreifen ist ein etwas merkwürdiges Gebilde: Autofahrer dürfen dort zwar nicht parken, sehr wohl aber halten, wenn sie dabei keinen Radfahrer gefährden. Umgekehrt dürfen Radfahrer zum Überholen auf andere Fahrbahnspuren wechseln.

Für einen Artikel im Main-Echo wollte ich vor ein paar Wochen nachsehen, ob der Führerschein-Fragenkatalog auch den Schutzstreifen berücksichtigt. Das tut er. Aber ich konnte im Netz partout keine offizielle Fassung des Katalogs finden – obwohl er vom Bundesverkehrsministerium herausgegeben wird. Daher fragte ich dort nach, ob er auf der Website des Ministeriums irgendwo verlinkt sei. Ein Sprecher empfahl mir, mich an den Fahrlehrerverband oder die örtlichen Fahrerlaubnisbehörden zu wenden. Gefragt, was gegen eine Online-Veröffentlichung spreche, teilte mir der Sprecher mit: „Es handelt sich um einen amtlichen Fragenkatalog, der aus Rechtsstaatsgründen als amtliche Richtlinie auf Basis einer verordnungsrechtlichen Vorgabe in einem amtlichen Blatt (Verkehrsblatt/Bundesanzeiger) veröffentlicht wird bzw. werden muss. Eine bloße Veröffentlichung auf der Internetseite des BMVI würde diesen rechtsstaatlichen Vorgaben nicht genügen.“

Nach einer „bloßen“ Veröffentlichung auf der Website hatte ich freilich nie gefragt. Auf meine Rückfrage, ob denn eine „zusätzliche“ Veröffentlichung im Netz infrage komme (wie das Justizministerium das ja bei Gesetzen und Verordnungen unter gesetze-im-internet.de auch macht), kam keine Antwort mehr. Dabei ist der Katalog ja wirklich ein Dokument, das für viele Bürger einen sehr praktischen Nutzen hat. Womöglich geht es einfach darum, dass der Verkehrsblatt-Verlag auch in Zukunft Geld verdienen soll mit dem Verkauf des Fragenkatalogs. Aber das kann ich nur spekulieren – das BMVI antwortete mir ja nicht mehr.

Statt auf den Fragenkatalog verlinken zu können (es gibt verschiedene Klickstrecken im Netz, aber eben keine offizielle Fassung), berichtete ich dann über die merkwürdigen Antworten des Ministeriums. Und über „Frag den Staat“ – denn über das Portal wurde auch schon mal nach dem Führerschein-Fragenkatalog gefragt. Leider ebenfalls vergeblich.

Das I in BMVI steht übrigens für „digitale Infrastruktur“.

9. Oktober 2014, 21:23

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Distanz halten in Gaza?

Ich finde Tilo Jungs Interviews gut. Die Kritik an seinem Gespräch mit Martin Lejeune offenbart ein grundsätzliches Problem von Interviews: Das Gesagte kann nicht überprüft werden, jedenfalls nicht sofort. Vielleicht bräuchte jedes Interview als Anlage noch einen Faktencheck.

Tilo Jung hat sich nun sehr deutlich von Lejeune distanziert, was angesichts Lejeunes jüngster Blogeinträge (z.B.) auch nachvollziehbar ist. Trotzdem schade, denn Lejeune hatte ja auch im Interview Eindrücke geschildert, die sonst nur wenige Medien transportiert haben.

Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, ob mir es in Gaza gelingen würde, Distanz zu halten. Laut UN-Bericht wurden in den vergangenen 50 Tagen 493 Kinder getötet. Er schnürt mir den Hals zu, wenn ich mir das vorstelle.

26. August 2014, 20:18

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From Sched.org to InDesign: Excel-macro to remove (some) html tags in the description

I wrote an Excel (for Mac) macro to remove/replace some html tags in the event description of Sched.org’s Excel export file. The macro makes it easier to use the file as a source for creating a printed program with InDesign’s data merge feature.

Download here.

19. Juni 2014, 21:13

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Nonprofit-Journalismus: Gemeinnütziges Recherchieren

In den USA sind in den vergangenen Jahren dutzende Recherchebüros gegründet worden. Vom großen Newsroom ProPublica bis zur lokalen Investigative Post in Buffalo gibt es viele Modelle. Sie arbeiten an spannenden, oft investigativen Themen, publizieren im Netz und werden vor allem durch Spenden finanziert.

Die Nonprofit-Büros haben dort einen großen Vorteil: In den Vereinigten Staaten kann journalistische Recherche von den Finanzbehörden als gemeinnützig anerkannt werden. Das hat gute Gründe: Die Redaktionen haben keinen Verlagsmanager im Nacken, der vor allem Profit sehen will. Sie können kritisch berichten – ohne Rücksicht auf Anzeigenkunden, Verlegerfilz und Medienagenda. Ihre Unabhängigkeit ermöglicht Nonprofit-Redaktionen, Themen anzupacken, die sonst im Mainstream untergehen würden.

Für gemeinnützig arbeitende Journalisten reicht es nicht, Agenturmeldungen umzuschreiben und Klickmonster zu produzieren. Ihre Geschichten müssen so gut sein, dass die Leser dafür gerne Geld geben. Gemeinnützigkeit kann den Journalismus verändern. Warum sind in Deutschland der Verbraucherschutz oder die Sportförderung gemeinnützig – guter Recherche-Journalismus aber nicht?

Mehr dazu auf der Projektwebsite von netzwerk recherche unter nrch.de/nonprofit

18. März 2014, 21:12

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„Der Anständige“ auf der Berlinale 2014: Gut, aber…

Beeindruckender Film: „Der Anständige“ auf der Berlinale – auf Basis von Himmlers Tagebüchern, Briefen etc.

Leider wurden Himmler-Bilder und -Filmaufnahmen verwirrend mit anderem Material aus der Zeit gemixt. Man fragt sich manchmal: war das jetzt Familie Himmler – oder waren’s irgendwelche anderen Kinder? Besonders unangenehm: Viele historische Filmaufnahmen wurden nachvertont. Die „Welt“ findet das offenbar gut

„‘Wir hatten Bilder ohne Sound’, erklärt Tomer Eliav, Sound-Designer aus Israel. (…) Die Lösung: Mit modernsten Mitteln wurden Sprecher und andere Geräusche aufgezeichnet und mit diesen modernsten Mitteln wurde das Perfekte, der Hightech-Sound aus den Aufnahmen wieder herausgefiltert. Jetzt klingt der Ton wie Originalaufnahmen aus der NS-Zeit.“

Ja, super. Der taz-Kritiker hält das für einen schweren Fehler – und er hat vollkommen recht. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass die Macher damit die Authentizität der Originalmaterials riskieren. Leider geschieht das nach meiner Beobachtung immer häufiger: Dank der technischen Möglichkeiten werden Geschehnisse so realistisch gefälscht nachempfunden, dass man kaum noch unterscheiden kann, was Reenactment ist und was Originalaufnahme. Wird das weiterhin so eifrig verschleiert, könnte das Dokumentarfilmen langfristig auch insgesamt Glaubwürdigkeit kosten.

10. Februar 2014, 21:45

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Hört auf mit "Segelohren"-OPs

Als dieser Tage zu lesen war, dass die Koalition Schönheits-OPs bei Kindern verbieten will, reagierten die plastischen Chirurgen mit Unverständnis. Ein Argument kam dabei immer wieder:

“Bei diesen ästhetischen Eingriffen handelt es sich in den meisten Fällen um Ohrenanlegen bei Kindern”, sagt Sven von Saldern, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgen (DGPÄC). “Diese Operation ist gesellschaftlich mittlerweile so akzeptiert, dass man Eltern fast schon einen Vorwurf machen würde, wenn sie ihre Kinder nicht operieren lassen.” (Spiegel Online)

Van Ark befürchtet, dass durch ein Verbot ein zusätzliches Hindernis für Jugendliche entsteht, die zum Beispiel unter abstehenden Ohren leiden. Sie bräuchten dann womöglich erst die Zustimmung eines Psychologen. „Wenn man 13 ist und man hat abstehende Ohren, ist das eine eindeutige Indikation“, sagt sie. Derzeit brauchen Minderjährige für einen solchen Eingriff das Einverständnis der Eltern. (Handelsblatt)

Das Anlegen von Segelohren. Das ist der einzige Eingriff aus rein ästhetischen Gründen, den wir hier bei Kindern vornehmen. Man sollte das auch in Zukunft machen – am besten noch vor der Einschulung. Kinder sind oft grausam ehrlich. Wer abstehende Ohren hat, wird ständig gehänselt. Das ist für das Kind eine enorme psychische Belastung. (merkur-online.de)

Mir wurden vor der Einschulung die Ohren angelegt – und ich habe daran sehr unangenehme Erinnerungen: Krankenhaus, Erbrechen nach der Vollnarkose, an der Narbe festklebende Verbände, empfindliche Narben – und außerdem zwei Ohren, die bis heute ungleich vom Kopf abstehen… Kurzum: Wenn man einem Kind klar machen will, dass etwas mit mit seinen Ohren nicht stimmt, dann sollte man eine solche Operation machen.

Ich erkundige mich gelegentlich bei nicht-operierten “Segelohrenträgern”, wie es Ihnen damit erging. Die meisten erzählen mir, dass es schon gelegentlich mal Hänseleien gegeben habe, aber dass sie froh sind, nicht operiert worden zu sein. Und nach der Pubertät interessiere es sowieso niemanden mehr, einen selbst am wenigsten. Das hört sich für mich nicht nach “eindeutiger Indikation” an.

Ich will nicht ausschließen, dass das Ohrenanlegen in bestimmten Fällen sinnvoll sein kann. Aber ein Kind quasi präventiv im Alter von 5 Jahren zu operieren, halte ich dennoch für völlig falsch. Nicht nur, weil der Eingriff möglicherweise vollkommen unnötig ist (kann ja sein, dass das Kind kein bisschen unter den abstehenden Ohren gelitten hätte). Sondern auch, weil wir damit gesellschaftlich ein völlig falsches Bild vermitteln: nämlich, dass abstehende Ohren nicht okay sind. Sind sie aber! In Indien, habe ich mal gelesen, gelten abstehende Ohren sogar als Zeichen von Intelligenz – was natürlich Quatsch ist, aber zeigt, dass es eben nur gesellschaftliche Konventionen sind, die so etwas hervorbringen.

Der Schauspieler Dominique Horwitz hat mal gesagt: „Ich hatte nie Stress damit, dass ich Jude bin und nie Stress damit, dass ich abstehende Ohren habe.“ Man könnte sogar sagen: Im Gegenteil. Schließlich sind Horwitz’ Ohren seine Markenzeichen.

Schade, dass die Aussagen von Mediziner-Fuzzis, die mit solchen OPs Geld verdienen, in keinem der Artikel kritisch hinterfragt wurden. Wer weiß, vielleicht wären abstehende Ohren viel anerkannter, wenn nicht so viele Kinder operiert würden – weil es dann einfach mehr Leute mit “Segelohren” gäbe.

19. Dezember 2013, 14:54

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Livestream-Camcorder-Liste

Vielleicht ist folgende Auflistung auch für andere interessant, die – wie ich – auf der Suche nach einem Stand-Alone-Camcorder für Livestreams (Ustream & Co.) sind. Ich habe noch nichts davon getestet, nur die Beschreibungen gelesen. Wie mir scheint, ist die Zahl der Angebote im Moment noch überschaubar:

  • Wer schon eine Kamera hat und eine professionelle Lösung sucht, dürfte mit VidiU von Teradek gut beraten sein (soll 699 Dollar kosten, ist aber noch nicht erhältlich). Übertragung via WLAN, Ethernet oder UMTS/LTE.
  • Ähnlich: LiveShell von Cerevo – die Pro-Version kostet ebenfalls 699 Dollar, es gibt aber auch eine einfache Version für 299 Dollar. Übertragung via WLAN oder Ethernet (UMTS/LTE nicht, so weit ich das sehen kann).
  • Günstig: Rollei Movieline Live 100 Wifi (unter 100 Euro) – und, wie mir scheint baugleich: Polaroid iD450. Übertragung per WLAN.
  • Von Logitech gibt es die Broadcaster Wi-Fi Webcam – Übertragung nur per WLAN.
  • Da es passende Apps für iOS und Android gibt, eignen sich auch Smartphones, die mit diesen Systemen betrieben werden. Man könnte z.B. ein günstiges Android-Smartphone mit passabler Kamera verwenden. Übertragung entsprechend per WLAN oder UMTS/LTE.
  • Wer Wert auf eine bessere Optik legt, könnte eine Android-Kamera verwenden, z.B. die von Samsung oder demnächst die von Polaroid. Übertragung per WLAN und z.T. auch per UMTS.

Allgemein würde ich Wert darauf legen, dass man auch externe Mikrophone oder Audiosignale per Line-In anstecken kann. Eine sehr lange Batterielaufzeit oder ein Betrieb per Netzteil wären sicherlich ein wichtiges Kriterium für den Betrieb auf Konferenzen etc.

Mein Favorit wäre an und für sich Q2HD von Zoom – das Gerät hat aber den entscheidenden Nachteil, dass es eben nicht ohne Rechner streamt. Immerhin ist ein Stream damit überhaupt möglich – mit vielen Kameras, die nur einen USB-Anschluss haben (und kein Firewire) lassen sich gar keine Live-Signale auf den Rechner übertragen – somit sind mit solchen Geräten auch keine Livestreams möglich.

To be continued (gern auch von Euch)…

12. März 2013, 22:36

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