Ausgerechnet Berlinpolis lud heute zu einer Diskussion über die Grauzonen des Lobbyismus – also jener “Thinktank”, der mit verdeckter PR für Bahn und Biosprit Schlagzeilen machte. Für die Lobbykritiker unter den Diskutanten, besonders Hans-Martin Tillack vom stern und Ulrich Müller von Lobbycontrol, war die Teilnahme natürlich mit dem Risiko verbunden, Berlinpolis durch ihre Anwesenheit wieder zu mehr Legitimität zu verhelfen. Wer aber dachte, Berlinpolis-Chef Daniel Dettling könnte sein Image mit der Veranstaltung wieder restlos aufpolieren, sah sich getäuscht: Dafür stellten die Teilnehmer zu viele kritische Fragen – und Dettling ließ zu viele unbeantwortet.
Immerhin räumte er ein, einen Fehler gemacht zu haben – allerdings schob er den Schwarzen Peter auch gleich wieder anderen zu. Laut Dettling zeigen Beispiele wie die Teilprivatisierung der Bahn und der Bau klimafreundlicher Kohlekraftwerke, dass weder Politik noch Wirtschaft alleine in der Lage seien, eine öffentliche Aufklärung zu leisten. Die Angst der politischen und wirtschaftlichen Akteure sei “Ursache und Folge gesellschaftlicher Gegenkräfte, die auf Alarmismus, Emotionalisierung, auf einen Mix von Skandalisierung, Moralisierung und Personalisierung” setzten – und damit kämen diese Kräfte gerade in den Medien sehr gut an.
So lange Politik und Wirtschaft im Schulterschluss mit Kräften aus der Gesellschaft diese Art von Angststarre nicht überwinden, haben es die Gegenkräfte recht leicht, einzelne Vorhaben und Projekte auszuhebeln oder sie zu verhindern. Aber nicht nur sie, auch PR-Agenturen und Lobbyisten haben es leicht, aus dieser Angststarre Kapital zu schlagen, mit sogenannter verdeckter PR oder schlechter PR lässt sich mehr Geld verdienen als mit nachhaltiger und transparenter Politikberatung.
Mir ist nicht ganz klar geworden, welche “Gegenkräfte” Dettling da meint. Womöglich Umweltverbände? Oder Bürgerinitiativen? Jedenfalls ist Berlinpolis, wenn man Dettlings Worten weiter folgt, quasi Opfer dieser “Angststarre” geworden:
Das haben wir selbst 2007 und Anfang 2008 erlebt. Die Fälle Bahn und Biosprit sind ja heute auch Hintergrund dieser Einladung. Die damaligen Auftraggeber – wir selbst waren Subauftragnehmer dieser Projekte – hatten kein Vertrauen in ihre eigene Kommunikation und Argumentation. Die beiden Fälle waren für uns jedenfalls ein Fehler. Wir haben uns recht schnell, wie Sie wissen, von zwei verantwortlichen Gesellschaftern getrennt – lange bevor diese Fälle durch Lobbycontrol und den Deutschen Rat für Public Relations veröffentlicht worden sind.
Cut! Das hört sich beinahe so an, als ob Dettling selbst mit Sache gar nichts zu tun hätte. Das ist natürlich Quatsch: Im Interview mit Jan Eggers von HR Info hat Dettling mehrmals geleugnet, überhaupt einen Auftrag zu haben. Zur Erinnerung ein paar Ausschnitte:
Eggers: Jetzt mal ganz direkt gefragt: Gehört die Bahn AG zu Ihren Auftraggebern?
Dettling: Nein. (…)
Eggers: Also: Da steht kein Auftraggeber dahinter.
Dettling: Da steckt kein Auftraggeber dahinter, nein.
Eggers: Auch nicht hinter der Seite „Zukunft mobil“, die Sie betreiben?
Dettling: Auch nicht dahinter. (…)
Eggers: (…) Auf den Punkt gebracht: Sind Sie Bahn-Lobbyisten?
Dettling: Das sind wir nicht. Wir sind Zukunftslobbyisten (…) und stehen dem Thema Privatisierung, Globalisierung sehr offen und positiv gegenüber.
Eggers: Und bekommen von der Bahn und vom Verkehrsministerium dafür kein Geld.
Dettling: Dafür bekommen wir kein Geld, nein.
Eggers: Wofür dann?
Dettling: Von der Bahn und vom Verkehrsministerium bekommen wir gar kein Geld. (…)
Aber zurück zur heutigen Veranstaltung und Dettlings Statement:
Was wir damals angekündigt haben, werden wir im nächsten Jahr weiter fortführen. Wir werden uns einem Neuanfang stellen bei Berlinpolis. Es wird Veränderungen struktureller Art geben, die wir noch in den entsprechenden Gremien diskutieren müssen. Aber die Namensgleichheit von Verein und GmbH, das steht heute schon fest, wird es im nächsten Jahr nicht mehr geben.
Ulrich Müller von Lobbycontrol machte deutlich, dass es damit nicht getan ist. Er erwarte sich zum Beispiel Aufklärung hinsichtlich einer Berlinpolis-Kampagne namens “Gesundheit Transparent”. Und ich hätte gern mehr erfahren zur Webseite zum Dialogmarketing, die ebenfalls verdammt nach verdeckter PR riecht. Wer waren hier die Auftraggeber? Dazu schweigt sich Dettling bislang aus.
Anekdote am Rande: Die Veranstaltung fand im Internationalen Handelszentrum statt. Und direkt im Raum gegenüber tagte kurz nach Ende der Berlinpolis-Diskussion die Quadriga-Hochschule.
Berlin-Mitte ist ein Moloch.

